Die Oberschule ist de facto eine Umetikettierung von kooperierenden Haupt- und Realschulen und somit keine neue Antwort auf die Herausforderungen, denen die Schulpolitik in den nächsten Jahren gegenübersteht. Die Oberschule ist vielmehr ein großes Werbeprojekt der CDU-FDP-Koalition, um die Integrierten Gesamtschulen (IGS) zu schwächen und die Elitenbildung an Gymnasien zu stärken. Im Kern wird damit die Oberschule die soziale Spaltung im Schulwesen zementieren anstatt aufzulösen. Damit dieses Projekt Erfolg hat, genießt die Oberschule im Vergleich zu den anderen Schulformen zahlreiche Privilegien: bessere Unterstützung bei Ganztagsangeboten, bessere Personalausstattung bei Schulsozialarbeit, geringe Voraussetzungen zur Errichtung. Diese Privilegien lehnt DIE LINKE ab.
In der Analyse sind sich viele einig: sinkende Schülerzahlen, besonders im ländlichen Raum, eine Abkehr von den Hauptschulen, ein Run auf die IGSn. Das alles zeigt, dass die Eltern den Bildungsweg ihrer Kinder möglichst lange offen halten wollen. Die Oberschule ist jedoch keine passende Antwort auf diese Situation. Man behauptet, dort sollten die besten Eigenschaften der Integrierten Gesamtschulen mit dem Leistungsgedanken der gegliederten Schulen zusammenkommen – als wenn an einer IGS nicht leistungsorientiert gearbeitet würde. Was für eine Diffamierung der Integrierten Gesamtschulen und was für eine Mogelpackung, die uns hier vorgestellt wird!
Warum ist die Oberschule eine Mogelpackung? Die Eltern wollen den Bildungsweg ihres Kindes möglichst lange offen halten. Vor allem geht es ihnen darum, dass ihr Kind die Chance auf ein Abitur hat, und zwar auf ein „normales“ Abitur, also kein Abitur an einem Beruflichen Gymnasium. In der Oberschule kann ein gymnasialer Zug zwar hinzutreten, allerdings sind die Voraussetzungen dafür so eng gefasst, dass er die Ausnahme bleiben wird. Zum 1.8.2011 gingen 132 Oberschulen an den Start, davon 17 mit einem gymnasialen Zweig (=13 %). Die gymnasiale Oberstufe (11. +12. Klasse) wird nur errichtet werden, wenn gleichzeitig am Ort eine Gesamtschule geschlossen wird. Dies ist erstens ein Frontalangriff auf die existierenden (Kooperativen und Integrierten) Gesamtschulen und wird zweitens – falls überhaupt – nur an den entsprechenden Orten erfüllbar sein.
Als Konsequenz daraus werden die Eltern ihre Kinder mit entsprechenden Leistungen gleich an Gymnasien anmelden. Schließlich wollen die Eltern vermeiden, dass ihr Kind beim Übergang in die Oberstufe noch einmal die Schule wechseln muss und abiturrelevante Leistungen in neuer Umgebung bringen muss. Der Gymnasialzweig einer Oberschule bleibt somit höchst unattraktiv.
Daher wird die Oberschule vor allem eine Schule für das Haupt- und Realschulniveau sein. Wenn man sich die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft anschaut, so stellt man fest, dass die Schere nicht zwischen Haupt- und Realschule aufgeht, sondern zwischen dem Gymnasium einerseits und den übrigen Schulen andererseits. Der Anteil an Schülern aus Hartz-IV-Familien beträgt an Gymnasien 4,2 %, Tendenz abnehmend. An Realschulen beträgt der Anteil 14,1 % mit zunehmender Tendenz, an Hauptschulen kommen 28,5 % aus Hartz-IV-Familien, ebenfalls mit zunehmender Tendenz. Dieser Riss wird durch die Oberschule nicht behoben, sondern im Gegenteil fortgeschrieben. Man schafft keine ‚Ober‘schule sondern eine Schule ‚unter’ dem Gymnasium.
Angeblich soll die neue Oberschule mehr Durchlässigkeit bieten als die bisherigen Schulen im gegliederten System. Man möge einmal erklären, warum. Bisher gibt es an Integrierten Gesamtschulen im Gegensatz zur Oberschule solange wie möglich keine Noten und kein Sitzenbleiben und ein gemeinsames Schulprogramm. An der neuen Oberschule gibt es in den Kernfächern eine frühere Differenzierung; es gibt von Beginn an den Notendruck und das Sitzenbleiben; es bleibt bei der Profilbildung für das Haupt- und Realschulniveau. Im Hinblick auf die Abituroption soll eine Verzahnung mit dem Beruflichen Gymnasium stattfinden. Auch hier gibt es also eindeutig die Abgrenzung zum Gymnasium, wo die „allgemeine Studierfähigkeit“, die „Stärkung des selbständigen Lernens und des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens“ das Ziel ist. Am Beruflichen Gymnasium gibt es eine Verengung auf eine „berufsbezogene individuelle Schwerpunktbildung“, die SchülerInnen werden „in einen Beruf eingeführt oder für einen Beruf ausgebildet“. Eine solche Option mag für zahlreiche Schüler ein guter Weg sein, aber die Konzentration auf diesen einen Bildungsweg ist das Problem an der Oberschule.
Kernanliegen der LINEKN sind das Offenhalten der Bildungsabschlüsse und das gemeinsame Lernen aller Schülerinnen und Schüler. Die Chance dazu bietet nur eine Integrierte Gesamtschule, die allen, die es wollen, zugänglich sein muss. Eine Integrierte Gesamtschule, die gleiche Gründungsbedingungen erhält, bei der Zügigkeit, beim Ganztagsbetrieb, bei der Personalausstattung. Nur bei gleichen Bedingungen hätten die Schulträger in ländlichen Gebieten, die der demographischen Entwicklung Rechnung tragen müssen, dann die Möglichkeit, zu entscheiden, welche Schulform das richtige Angebot ist. Auf Landesebene setzen wir uns dafür ein, dass die IGS eine ersetzende Schulform werden kann; derzeit darf sie nur ergänzend zum gegliederten Schulsystem hinzutreten. Die Entscheidung dafür soll immer vor Ort getroffen werden.
Kurz und knapp: Mit der Oberschule als Regelschule soll offensichtlich den IGS-Initiativen der Wind aus den Segeln genommen werden, indem überall dargestellt wird, wie integrativ die Oberschule angeblich sei. Das ist kein Kompromiss sondern schlicht und einfach Täuschung.
In der konkreten Auseinandersetzung vor Ort wird es aufgrund der landesrechtlichen Vorgaben häufiger die Diskussion Hauptschule/Realschule vs. Oberschule geben – und nicht Oberschule vs. Integrierte Gesamtschule. Ergänzend zu den o.g. Argumenten gilt es hier die „Leckerlis“ zu beachten, mit der die Landesregierung die Oberschule bestückt hat. So sind die Lehrerwochenstunden an der Oberschule geringer, es gibt mehr Anrechnungsstunden für unterschiedliche Tätigkeiten in der Schule, die Ganztagszuschläge sind besser, die Ausstattung mit Schulsozialarbeitern im Vergleich zur Realschule ebenso. Unter der Voraussetzung, dass der Weg zu einer IGS durch die Umwandlung von Haupt- und Realschulen in Oberschulen nicht verbaut wird, kann(!) die Einführung einer Oberschule eine graduelle Verbesserung innerhalb einer falschen Denkweise darstellen. Wie ihr mit diesem Sachverhalt vor Ort umgeht, kann und will ich aus dem Landtag nicht vorschreiben. Aber jeder und jedem muss klar sein: wer heute Werbung für die Oberschule macht und dabei die genannten Vorteile gegenüber Haupt- und Realschule im Kopf hat, spült Wasser auf die Mühlen der CDU/FDP-Koalition. Die Kritik (Aufrechterhalten der sozialen Spaltung, Privilegierung der Oberschule, absurde Errichtungshürden für die IGSn) sollte daher immer im Mittelpunkt stehen.